Equilibrium - Verien zur Bewältigung von Depressionen
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«Depressionen sind noch immer ein Tabu»

Unter diesem Titel erschien am 15. November in der NZZ ein ganzseitiges Porträt über unsere Präsidentin. Hier der Artikel in voller Länger:

Depressiven Menschen fällt es nicht leicht, über ihre Krankheit offen zu sprechen. Christine Heim, die Präsidentin des Vereins Equilibrium, wagt diesen Schritt und spricht über sich und ihre Probleme, um die Krankheit zu entstigmatisieren.

Nadine Jürgensen

Der Himmel hängt tief ins Limmattal hinunter, es nieselt, und Christine Heim lehnt sich in ihren Sessel zurück und verschränkt die nackten Füsse unter sich, die eben noch in ihren Hausschuhen steckten. In ihrem Wohnzimmer ist es gemütlich und hell, sie serviert Kaffee. Wenn die 47-jährige Frau über ihr
bisheriges Leben nachdenkt, sagt sie: «Manchmal habe ich das Gefühl, zehn Jahre meines Lebens verloren zu haben.» Traurigkeit merkt man ihr dennoch keine an, sie lacht, erzählt von sich und ihrer neuen Arbeit als Präsidentin des Vereins Equilibrium, der sich mit der Bewältigung von Depressionen
auseinandersetzt. «Aber eine Wut kommt mir manchmal hoch, denn diese Krankheit ist so unfair.»

Gleich wieder ins Bett

Die Frau, die so ehrlich und offen über sich spricht, ist selber manisch-depressiv. Im Alter von 32 Jahren, in der Trennung nach einer schwierigen Beziehung, wusste sie plötzlich nicht mehr weiter. Sie stand morgens auf, zog sich an, um zur Arbeit zu gehen, und liess sich gleich wieder ins Bett fallen. Ihre Vorgesetzten informierte sie nicht, es war ihr egal. «Das Schlimmste war, dass ich mir der Konsequenzen meines Verhaltens nicht mehr bewusst war, ich konnte einfach nicht mehr überlegen.» In der Folge verlor Christine Heim ihre Stelle als Aussendienstmitarbeiterin in der Pharmabranche. Und auch die darauffolgende Beschäftigung dauerte nicht lange.

Nach elf Jahren psychiatrischer Behandlung, nach drei Aufenthalten in Kliniken und nach der Einnahme verschiedener Antidepressiva hat Christine Heim gelernt mit ihrer Krankheit zu leben und mit den Auswirkungen der manischen und depressiven Phasen besser umzugehen. Früher habe sie kein Jahr erlebt, in dem sie keine schwere Depression von zwei bis drei Monaten habe durchleben müssen. In manischen Phasen ging Heim zu sorglos mit ihren Finanzen um und häufte Schulden an, die sie über lange Jahre zurückzahlen musste.

Einer festen Anstellung kann die IV-Rentnerin heute nicht mehr nachgehen. Zu gross wäre die Belastung, zu schwer ist auch ihre Erkrankung. Denn diese ist heimtückisch, sie kann jederzeit akut ausbrechen.
Heim arbeitet jedoch seit einem halben Jahr ehrenamtlich für den Verein Equilibrium. Diese Tätigkeit übt sie von zu Hause aus, so wie es gerade geht. Manchmal auch nachts, denn «ich war schon immer eine Nachteule».

«Depressive Menschen lassen sich gehen», gegen dieses Unverständnis will die Equilibrium-Präsidentin ankämpfen. Der Krankheit Depression hafte noch heute ein Stigma an. «Das gelbe Wägeli oder das Burghölzli, jedes Kind, weiss, was da gemeint ist.» Jahrhundertelang sei das Phänomen Depression tabuisiert worden. Das Stigma der Krankheit könne nur bewältigt werden, indem Betroffene darüber sprächen und bekennten, depressiv zu sein. Bis man zu dieser Krankheit stehen könne, brauche es jedoch sehr viel. Wo sie ihren eigenen Mut hernimmt, kann sie sich selber nicht recht erklären.

«Ich kann vermitteln, worum es geht, da ich selber betroffen bin», sagt Christine Heim, «so kann ich für unsere 700 Vereinsmitglieder auch das Verständnis aufbringen.» Die wichtigsten Aufgaben des Vereins sind der Aufbau und die Vermittlung von Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige. Dass auch die Angehörigen oft in einer schwierigen Situation stecken, wenn ein Familienmitglied erkrankt, ist der «Depressionen sind noch immer ein Tabu»
Equilibrium-Präsidentin bewusst. Der Nachholbedarf sei gross: «Zum einen müssen Angehörige Verständnis haben, zum andern müssen sie als Therapeuten agieren», das sei keineswegs einfach.

Gedanken auf der Leinwand

Das grosse Problem an der Depression sei, dass sie von aussen unsichtbar sei. «Andere Menschen sehen mir die Krankheit nicht an, oder sie anerkennen meine Depression nicht als Krankheit.» Krank sei, wer ein gebrochenes Bein habe, und nicht derjenige, der angezogen im Bett liege.

Ihre Gedanken, ihr Innerstes, das trägt Christine Heim gerne auf eine Leinwand auf. In ihrem Atelier in Birmensdorf schreibt sie nieder, was sie beschäftigt, übermalt es wieder, diese Gedanken sind nicht für andere bestimmt. Zwei Bilder von ihr hängen in ihrem Wohnzimmer, es sind Formen wie Wolken, Farben wie heller, freundlicher Nebel. Auf die Frage, ob ihr der nahende Herbstnebel keine Mühe in der Seele bereite, lacht Christine Heim. «Ganz im Gegenteil», sagt sie, «der Nebel hüllt mich ein und ich fühle mich geborgen.»

Equilibrium ist ZEWO zertifiziert